Ein kurzer Ausflug in die Geschichte des Stollens"Wie glücklich und erwartungsfroh gingen wir in die Weihnachtszeit! Es waren auch noch normale Zeiten, und einige Wochen vor dem Heiligen Abend schickte Petrus viel Schnee auf die Erde. Wir Kinder waren den ganzen Tag auf der Schlittenbahn. Der Wunschzettel fürs Christkind war schon ins Fenster gelegt worden, und wir freuten uns auf das Fest. Unsere Mutter allerdings hatte alle Hände voll zu tun mit den Vorbereitungen. Das Schönste aber sollte noch kommen. Unser Vater war Lehrer und Kantor in einem kleinen Dorf in der Oberlausitz. Wir waren nicht arm, doch auch nicht reich. Die Eltern mußten schon den Pfennig zweimal umdrehen, doch Weihnachten ohne Stollen hätte es nie gegeben. Wir mußten in die eineinhalb Stunden entfernte Kreisstadt Bischofswerda zu einem Bäcker, der besonders berühmt war für seine Stollen-Kunst.
Damals gab es noch keine Fertigprodukte (und das war gut so!). Deshalb saß die ganze Familie am Abend vorher in
der Küche, um alles für das Backfest vorzubereiten. Da wurden Mandeln abgezogen, geknackt und gemahlen,
Mehl gesiebt, Butter abgewogen und Zitronen geschält (die alle unbehandelt waren). Dabei erzählte Vater
liebe kleine Geschichten aus der Weihnachtszeit und wir sangen Weihnachtslieder. Das war ganz nützlich, denn wir
Kinder hätten sonst zuviele Mandeln genascht. Am nächsten Morgen wurde ein Handwagen mit einem
großem Korb voller Zutaten beladen; und dann ging es los auf dem langen Marsch. So ein weiter Weg war für
uns Kinder nicht ganz einfach, doch wir waren fröhlich und freuten uns auf das Kommende. Am Abend, als alle
Stollen gebacken waren, wanderten wir vergnügt wieder heim. Vorsichtig wurde der Wagen gezogen, damit ja kein
Stollen kaputt ging. Das Schönste für uns Kinder kam noch. Die Mutter buk jedes Weihnachten vom Rest des
Stollenteigs einen Kartoffelkuchen, der ganz frisch und noch warm zum Abendbrot auf den Tisch kam. Das war eine
Köstlichkeit, wie ich sie nie wieder erlebt habe! So kam der Heilige Abend heran, und wir Kinder mußten eine
feste Pflicht erfüllen: Wir mußten je einen Stollen mit vielen anderen guten Sachen zu den armen
Dorfbewohnern tragen ... Dann ging es zur Kirche, wo im Lichte vieler Kerzen die Weihnachtsgeschichte gelesen wurde.Das sind Erinnerungen, die neimals verblassen. Wie schön wäre es, wären die alten Bräuche auch heute noch überall unter den Menschen." (aus "Das Buch vom Stollen" von Frank P. Freudenberg erschienen im Bechtermünz Verlag)
Diese oder ähnliche Geschichten könnte Ihnen jeder gebürtige Sachse mittleren Alters oder
älter erzählen. Natürlich spielt dabei auch immer die Beschaffung der köstlichen Zutaten eine
große Rolle. Wie wurde der Stollen zu dem was er heute ist? Wo er zum ersten Mal gebacken wurde ist leider unbekannt. Die Experten stimmen darin überein, daß es wahrscheinlich in Sachsen um 1300 gewesen sein muß. Der Stollen als Gebäck wurde 1329 erstmalig urkundlich erwähnt. Naumburger Bäcker hatten an ihrem Bischof Heinrich zwei Stollen zu entrichten. Diese köstliche Speise ließen sich natürlich die weltlichen Herrscher auch nicht entgehen und so lieferte bis 1913 an jedem zweiten Weihnachtsfeiertag die Dresdener Bäckerinnung zwei Christstollen von jeweils 1,5m Länge und 36 Pfund Gewicht an den sächsischen Hof. Sehr bald verschenkte man den Stollen auch als milde Gabe zu Weihnachten an die armen Leute. Auch die Bediensteten bekamen oft von ihrer Herrschaft einen Stollen zu Weihnachten. Die Adventszeit ist eine Vorbereitungszeit auf das Kommen Jesu. Nun schrieb die Katholische Kirche vor, daß man in der Zeit zu fasten hätte. Aus diesem Grund durfte man keine Butter verwenden. So versuchte man den Stollen mit Öl zu backen. Da das hiesige Öl von minderer Qualität war, muß es entsetzlich in den Backstuben gestunken haben. Der Stollen war dann sicher auch nicht mehr zu genießen. Der Kurfürst Ernst und sein Bruder Herzog Albert wandten sich wegen des nicht zu ertagenden Zustandes an den Papst. Dieser hatte ein Einsehen und erlaubte das verwenden von Butter zur Adventszeit. "Sintemalen nun, daß in euren Herrschaften und Landen keine Oelbäume wachsen und daß man des Oehles nicht genug sondern viel zu wenig und nur stinkend habe, daß man dann teuer kaufen muß oder solches Oehl alld habe, das man aus Rübsenoehl macht das der Menschen natur zuwider und ungesund, durch dessen Gebrauch die Einwohner des Landes in mancherley Krankheit fallen. Als sind wir in den Dingen zu eurer Bitte geneigt und bewilligen in päpstlicher Gewalt, inkraft des Briefes, daß ihr, eure Weiber, Söhne und Töchter und alle euren wahren Diener und Hausgesind der Butter anstatt des Oehls ohne einige Pön (Pein, Strafe)und ziehmlich gebrauchen möget." (aus "Das Buch vom Stollen" von Frank P. Freudenberg erschienen im
Bechtermünz Verlag) Seitdem wird der Stollen nur noch mit "guter" Butter gebacken. |